keko hat geschrieben:
Es geht auch nicht um Verantwortlichkeit, sondern um den freien Willen. Gott liebt die Menschen so sehr, dass er ihnen den freien Willen zugesteht, alles andere wäre keine völlige Liebe: dann, wenn er sie so erschaffen würde, wie er es möchte (logisch, oder?). Er weiß, dass auch fehlbare und mordende Menschen nachkommen werden, akzeptiert das aber, weil er nicht seine kleinen, perfekten Roboter erschaffen will. Es ist notwendig für die geistige Entwicklung der Menschen, dass es zu allem einen Gegensatz gibt.
Damit sagst Du, dass es ein hohes Gut gibt, zu dessen Erlangung ein Preis zu zahlen wäre, nämlich das Leid. Zum Beispiel sei das Böse und das Leid notwendig für die geistige Entwicklung des Menschen (oder für irgend ein anderes Ziel).
Ein allmächtiger, liebender Schöpfer kann uns aber mit jeder beliebigen Weisheit oder Reife ausstatten, auch ohne dass wir dafür einen Weg des Leides (oder irgendeinen Weg) zu durchwandern hätten. Da Gott allmächtig ist, gibt es keinerlei Notwendigkeit für das Leid oder das Böse.
Außerdem ist das Leid und das Böse nicht von den Menschen verursacht, durch sie in die Welt gekommen und von ihnen zu verantworten. Dazu genügt ein Besuch in einer Kinderklinik, wo völlig unschuldige Wesen unfassbares Leid ertragen, wovon sie auch nicht geläutert oder sonstwie weitergebracht werden, sondern nach qualvollem, oft chancenlosem Kampf endlich versterben.
Wem das nicht genügt, schaut in die Tierwelt: Tiere leben in totalem Egoismus in einer Welt von unvorstellbarer Grausamkeit. Sich am lebendigen Leib in Stücke reißen zu lassen ist normaler Standard. Insekten legen ihre Eier in noch lebende, nur durch Gift gelähmte Tiere, damit sie als Wirtstiere länger frisch bleiben und den Larven als Nahrung dienen können. (*)
Und dann kommt der Mensch in seinem typischen Mittelpunktswahn daher und glaubt, diese entsetzlichen Unvollkommenheiten der Welt seien von ihrem persönlichen Gott für dessen innere Reifung gedacht, bewusst eingesetzt und gerechtfertigt.

(*) edit: Mit der Existenz des Leids in der Tierwelt will ich verdeutlichen, dass es das Leid bereits gab, als die Welt in ihrer Entwicklung noch Millionen von Jahren auf die Menschen warten musste – und mithin auf Wesen, die zu einer bewussten, moralisch wertbaren Entscheidung überhaupt fähig waren. Man kann den Sündenfall also nicht einfach auf die Tiere verlagern, weil am Anfang noch keine Menschen da waren. Tiere können sich nicht für Gut oder Böse entscheiden; ein Fisch hat keine Vorstellung von den in der Zukunft liegenden Konsequenzen seines Handelns. Kurz: Die Vorstellung, dass der Mensch das Leid durch Ausübung seines freien Willens in die Welt brachte, ist logisch nicht haltbar. Also muss man den Grund und eventuell den Sinn des Leids außerhalb der Sphäre des Menschen suchen.